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Nobody expects the web2.0 Inquisition

Der heutige Beitrag soll mal einen kritischen Blick darauf werfen wie das Internet, Soziale Netzwerke und Blogger zu Massenmedialen Fehlergüssen mit erheblichen Konsequenzen für die realen Opfer führen können.

Der Erguss unserer Demagogin an den das anlehnt behandelt einen Medialen Fallout mit dem einige Medienanstalten sehr viel Geld gemacht haben.
Auf der anderen Seite steht ein Opfer welches noch lange darunter leiden wird. Ironischer Weise kann dieses sogar Opfer der, sich hier aufgeilenden Islamophobin werden.

Es geht um Neda aus dem Iran. Ihr erinnert euch. Das most clicked youtube Video mit dem ganz besonderen gore touch.
Der langsame Tot der jungen Frau flackerte über mehre Wochen über die Mattscheibe wie die fallenden Türme so, daß man unmöglich davon weg oder sich vor den implizierten Gefühlen die das auslöste schützen konnte.

So kennen und lieben wir unsere Medien. Love it or Leave it.

Nun wurde dem anonymen Handycam Voyeur ein Preis verliehen. Naja nicht wirklich ihm. Denn er wird diesen wahrscheinlich sowieso nie abholen können. Eigentlich haben sich die Medien den Preis selbst verliehen. Es wurden ja vor kurzem die Besten Pressefotos ausgezeichnet.  Auch hier ist eine iranische Frau das Thema.
Nun ist es das beste Handyvideo. Man was haben sie damals an Kohle gescheffelt.

Klar die Aufmerksamkeit auf den Konflikt hat es tatsächlich geweckt. Jedoch bei wem? Wer hatte die tagelangen Proteste davor übersehen können?  Wer hat den auf den Gore-Factor gewartet um Aufmerksamkeit zu heucheln?

Das würde heute keiner mehr zugeben. Aber es hat seinen Zweck erfüllt.

Es gibt jedoch ein kleines Problem. Das ist die Geschichte von Neda Soltani.
Eine Frau die heute als Asylbewerberin irgendwo bei Frankfurt am Main lebt weil sie nicht mehr im Iran weiterleben kann.

Das zweite Leben der Neda Soltani

Zeitungen, TV-Sender und Blogs zeigten ihr Bild: Angeblich war sie die Demonstrantin, die bei den Unruhen in Iran getötet wurde. Aber es war eine Verwechslung, Neda Soltani lebt – als Asylsuchende in Deutschland – und kann nicht mehr in ihre Heimat zurück.

(Kein Wunder, daß meist lieber die blutende Leiche gezeigt wird. Da brechen ja Welten zusammen…)

So titelt die Süddeutsche die als eine der sehr wenigen Medien die Geschichte aufgegriffen hat.
Der Ablauf sah damals so aus:

Mitarbeiter größerer Fernsehanstalten versuchen sie zu identifizieren, sie suchen Bilder der toten Frau. Ihr Vorname, Neda, ist im Film zu hören, schnell fällt im Netz auch ein Nachname: Soltan, Studentin der Islamic Azad University in Teheran. Irgendwer sucht unter dem Namen Neda Soltan bei Facebook.

Auf diesem Internetportal unterhält auch Neda Soltani eine Seite. Sie hat die Inhalte auf ihrer Facebook-Seite allein für Freunde freigegeben. In ihrem Profil steht allerdings ein Foto, das jeder sehen kann. Wer als Erstes die lebende Dozentin Neda Soltani mit der toten Studentin Neda Soltan verwechselt, lässt sich später nicht mehr rekonstruieren.

Aber jemand kopiert das Foto Neda Soltanis in der Nacht zum 21. Juni 2009 aus deren Facebook-Profil und verschickt es als das der toten Neda Soltan. Das Foto wird über soziale Netzwerke, über Blogs und Portale im Internet verbreitet; kurze Zeit später senden es von CNN, BBC, CBS bis zu ZDF und ARD die wichtigsten Fernsehsender weltweit; am nächsten Morgen ist Neda Soltanis Foto in den Zeitungen Dutzender Länder zu sehen. Innerhalb weniger Tage kennt die ganze Welt das Foto von Neda Soltani – und glaubt, darauf sei die erschossene Neda Soltan abgebildet.

Die daraus resultierende web2.0 Lawine die sich über Neda ergoss hörte nicht einmal auf als die Eltern der echten Neda Fotos und Informationen an die Presse gaben. Die Medien liessen sich von nichts abhalten. Weiter wurde das Foto von Soltani verbreitet und verfälscht. Sie hatte keine Kontrolle mehr darüber.

Schließlich setzt das iranische Regime Neda Soltani unter Druck. Von wem oder wie sie bedroht wird, will sie auch später in Deutschland nicht sagen, aus Angst um ihre Familie. Denn die Verwechslung soll gegen die Opposition verwandt, die Demonstranten auf der Straße als Instrumente westlicher Fälscher entlarvt werden. Sie bekommt Panikattacken, sie wird krank, beschließt, den Iran zu verlassen.

Ohne von ihren Eltern Abschied zu nehmen, flieht sie am 2. Juli 2009 in den Westen. Die Fluchthelfer bezahlt sie mit sämtlichen Ersparnissen, mit einem kleinen Rucksack gelangt sie über Griechenland nach Deutschland.

Das Asylverfahren in Deutschland läuft nun schon seit über sechs Monaten. Neda sagt, sie wollte nicht auswandern. Nie zuvor war sie im westlichen Ausland. Sie hat Heimweh.

Sie erhält vom deutschen Staat etwa 180 Euro Hilfe im Monat. Für Obst und Gemüse, eine gesunde Ernährung wie zu Hause in Teheran, reicht das kaum. Sie lebt jetzt irgendwo in einem Heim für Flüchtlinge. Sie hat immer noch Angst um ihre Familie in Teheran und Angst um sich in Deutschland.

Nun ist sie in Islamophobistan. Man kann nur hoffen, daß sie es hier schafft und nicht einen von ihrer Position aus gerechtfertigten Hass gegen die Medien entwickelt der sich auch noch anders kanalisieren könnte.

Nun das alles führt uns zurück zu unserer Blenderin die auf Grund des o.g. Preises ein Loblied auf die Medien und die online Pseudojournalisten startet:

Und ich finde, dass dieser Preis selber ein Meilenstein ist. Es ist ein Zeichen, dass die Berichterstattung nicht mehr allein in den Händen der professionellen Journalisten liegt, dass den vielen Amateuren wieder immer mehr bedeutung zukommt.

Tja. Angesichts der Geschichte oben zeigt es nur wie falsch so eine Möchtegern Journaliste liegen kann und welche immensen Auswirkungen es haben kann. Auch wenn Kybeline nicht annähernd den Einfluss besitzt. Sie verfügt auf jeden Fall die nötige Unwissenheit und Unfähigkeit eigene Fehler anzuerkennen.
Die richtige Story, die richtige Lüge, die richtige Verwischung der Tatsachen zur richtigen Zeit könnte reichen um die Dummheit aus dem islamophoben Sumpf der Verblödung auch in die andere Richtung fließen zu lassen.

Wie viele Menschen Tag täglich von PI und Konsorten beeinflusst werden und sich dazu genötigt fühlen einen frisch aufkeimenden Rassismus zu pflegen kann man nur schätzen. Welche Auswirkungen das in der Zukunft haben wird hängt von Blogs wie Politblogger ab bei dem versucht wird Distanz zwischen den Emotionen und der tatsächlichen Information zu schaffen. Ein Spagat zu dem die islamophoben nicht mehr fähig sind.

Ja ich würde mir erlauben, diese Tatsache vom Journalismus und Berichterstattung auf andere Gebiete zu übertragen. In den letzten Jahrzehnten (und gar Jahrhunderten) gab es eine Entwicklung zu Zentralisierung auf den meisten Gebieten: Musik, Sport, Literatur, was immer.
[…]
Wer sind die Stars von heute? Ich meine diejenigen, die jeder kennt? Sie werden immer weniger und immer älter (Dieter Bohlen) bis sie bald aussterben. Denn das Internet zieht die Menschen vom Fernsehen, vom Star-Macher. Die Massen können durch das Internet selber aktiv werden. Youtube produziert Millionen anonyme Künstler.
[…]
Und ich frage mich, wie weit sich dieser Trend der Dezentralisierung fortsetzen wird? Auf welchen Gebieten? Ist etwa möglich, dass sie sich auch im Sozialleben, oder gar in der Politik durchsetzen wird?

Wie man hier sieht ist die Demagogin ihrer eigenen Position durchaus bewusst. Sie hätte auch gerne die mediale Aufmerksamkeit. Sie würde so gerne mal mit einem Handy daneben stehen wenn jemand verblutet. Gibt ja schon 50€ nur für das Foto bei der BILD.
Wie sehr würde sie sich wünschen wenn das auch noch politische Folgen hätte. Wie gerne würde sie die Rache einiger „Aufrechter“ „Bürger“ damit schüren.

War es damals nur Geld welches die Medien dazu bewegt hatte Falschinformationen zu verbreiten, werden das in Zukunft Gruppen sein die ihre eigenen Ziele verfolgen.

Wir und unsere Kinder werden in Zukunft noch mehr Medienkompetenz brauchen um in diesem Wirbelwind aus Informationen und Pseudoinformationen, die Strippenzieher und die Essenz zu erkennen.

Die die es nicht schaffen werden auf der Strecke bleiben oder von Polemikern wie Kybeline gefressen.

  1. tm78654
    16. März 2010 um 16:28

    Gab es inzwischen weitere Berichterstattung über das Thema in den Medien? Wie ergeht es Neda Soltani inzwischen in Deutschland? Sind die Journalisten sich einer Schuld bewusst?

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